Rund um die Gezeiten

Von Seefahrern und Schiffbrüchigen.

Die Ostfriesischen Inseln sind das Ergebnis einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Meeresströmungen, Hauptwindrichtungen und ganz besonderen Pflanzen, die die besonderen Lebensbedingungen vor Ort (starker Wind, schmirgelnder Sand, Salz) „akzeptiert“ haben.
Im Gegensatz zu den Nordfriesischen Inseln (Festlandreste), sind sie über Jahrtausende gewachsen; West-Ost ausgerichtet, ein Zugeständnis an die Hauptwind- und Hauptmeeresströmungen. Letztere sind dem Einfluss der Gezeitenkräfte des Mondes und der Sonne ausgesetzt; Flut- und Ebbströme entstehen, schaffen Landschaften und Bodenstrukturen, die rhythmisch trocken fallen und dann wieder wasserbedeckt sind – ein Phänomen, welches schon Plinius den Älteren (47 n. Christus, römischer Kriegsberichterstatter im Feldzug des Corbulus gegen die Chauken) faszinierte, und das er in folgende Worte kleidete:
„Gesehen haben wir im Norden die Völkerschaften der Chauken. In großartiger Bewegung ergießt sich dort zweimal im Zeitraum eines Tages und einer Nacht das Meer über eine unendliche Fläche und offenbart einen ewigen Streit der Natur in einer Gegend, von der es zweifelhaft ist, ob sie zum Land oder zum Meer gehört. Dort wohnt ein beklagenswertes Volk auf hohen Erdhügeln, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind. In ihren erbauten Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn das Wasser das sie umgebende Land bedeckt, und Schiffbrüchigen, wenn es zurückgewichen ist und ihre Hütten gleich gestrandeten Schiffen allein dort liegen.Von ihren Hütten aus machen sie nach dem Zurückweichen des Meeres Jagd auf die zurückgebliebenen Fische.”
Mittlerweile haben die Fische gelernt, rechtzeitig mit dem ablaufenden Wasser bei Ebbe von den Wattflächen bis zum Niedrigwasserzeitpunkt verschwunden zu sein, so dass ihr Fang nicht mehr so leicht gelingt.

Gezeitenkalender für Baltrum, Westende.