Nationalpark-Haus Baltrum

Spurensuche.

„Ebbe ist es geworden, Schlick kommt ans Tageslicht. Prielaufwärts, im schwarz-schlubbernden Watt liegt die Wiege der Nordsee. Behutsam werden Garnelenbabys von der Vorflut in den Priel geschoben, Strandkrabbenkinder lassen sich einströmen, der Platt-fischnachwuchs trödelt hinterher. Noch ist die Wasserrinne flach, überspringbar breit, ein Nebenpriel, vereinigt sich mit anderen, kann bei Niedrigwasser bereits ausufern. Ein Fluss im Meer, der bei Ebbe schon an die Flut erinnert, um pünktlich, zweimal am Tag von ihr abgeholt zu werden ...
Es ist die Zeit der Flutgäste. Randvoll ist die Schatzkammer mit Meeresgetier gefüllt. Am Gleithang der Prielkurve strömt das Wasser zuerst, Wattschnecken, Strandkrabben, Garnelen drängen in die Wattflächen. Verdächtig schillernde Schaumränder bilden den Flutsaum, aus allen Richtungen läuft nun das Wasser auf, schiebt Rolltang und Eiballen der Wellhornschnecke vor sich her oder ein Sortiment von Plastikartikeln, die längst das Treibholz ersetzt haben. Groschengroße Schollen und Butt, haarnadelgroße Heringe und Sprotten folgen zur Nahrungsaufnahme in den schlickigen Dschungel. Flutgäste: quallig, knospig, wasserpumpend, im Kalkgehäuse, zwischen Klarsichtfolie und Frühstücksbeutel, als Küstenkriecher oder Wellengänger.
Die Ebbegäste haben sich auf die letzten noch aufragenden Wattenhochs zurückgezogen. Austernfischer und Rotschenkel müssen ihre Jagd nach Wattwürmern einstellen. Rar wird das Wattenland, die restlichen Flecken Erde sind nur von kurzer Dauer. Schnell ist diese Welt versunken und der Boden wieder Meeresgrund geworden.“
(aus Bernd Hans Martens, „Land das zum Meer gehört“, Verlag Die Werkstatt, 1991)

Mittlerweile treiben Container und deren Inhalte an die Küste, werden bis zu 100 000 chemische Verbindungen in die Nordsee eingeleitet, wird hoch belasteter Hafenschlick an den Ufern abgelegt, schürfen Kiesbagger am Fahrwasserrand .
Der Lebensraum verändert sich, natürlicherweise und vom Menschen gestaltet. Meereslebewesen wandern wegen der Erwärmung der Nordsee nach Norden ab (z.b. Kabeljau, Hering) oder sind ausgerottet (u.a. Nordseeschnäpel, Stör).
Neue Arten wandern ein (u.a. Meeräsche, Wolfsbarsch) oder werden vom Menschen weltweit mit dem Ballastwasser von Schiffen verteilt (z.B. Schwertmuscheln)
Auch siedelt der Mensch Arten an, von denen er sich Profite verspricht (Pazifische Austern, Lachse in Massentierhaltung).

Vielleicht wäre etwas weniger Wachstum, etwas mehr Respekt vor den natürlichen Abläufen ein Lebensstil, der der Menschheit auf diesem Erdenrund ein längeres Verweilen ermöglichte.





Unsere Buchempfehlung:

Land das zum Meer gehört.
127 Seiten, mit Schwarz-Weiß-Fotos und informativen Exkursen zu Flora und Fauna,
Verlag Die Werkstatt, Göttingen1991
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